Tag 1 - Erwartungen

ZÜRICH. - Voller Vorfreude und mit viel Dank geht der erste Exkursionstag zu Ende. Vierundzwanzig Frauen und Männer aus dem Bistum Limburg erleben ein herzliches Willkommen bereits am Hauptbahnhof Zürich:

Das "Kirchenteam Maria Lourdes" begrüßt uns in der "Züricher B-Ebene" mitten im Alltagsgetriebe. Nach Most, Saft, Knabbereien und Umarmungen erkunden wir mir Marianne, Martin, Prisca und Regula den Sozialraum der Züricher Innenstadt:

Die Bahnhofsstraße, St. Peter, am Paradies vorbei zum Hedwigsbrunnen, vor wunderbar klarem Alpenpanorama über die großen reformierten Stadtkirchen blickend. Am Rathaus vorbei geht es zum Zwingli-Denkmal. Dort werden uns die Anliegen der Schweizer Reformatoren und die Auswirkungen im Miteinander von Staat, Gesellschaft und Kirche bis heute geschildert. Weiter geht es zum Großmünster und schließlich zum Fraumünster mit den wunderbaren Chagallfenstern, zurück über die Christkirche zum Bahnhof.

Mit der Straßenbahn fahren wir raus nach Seebach in die Pfarrei "Maria Lourdes", beziehen Zimmer im Hotel oder bei Gemeindemitgliedern. Es folgt ein gemeinsames Abendessen und die Abendrunde im Kreis. Die Teams der Teilnehmer stellen sich einander vor, geben Auskunft darüber, mit welcher Frage sie nach Zürich aufgebrochen sind. Schnell wird deutlich, wie sich das "Duale System" der Schweizer Kirchen und das kurial-synodale System unseres Bistums unterscheiden. Wie kommt es zu und wer sind dabei die Treiber pastoraler Aufbrüche? - Das intensive Gespräch hat uns längst gepackt!

Alles gipfelt in dem abschließenden Versammeln um das Wort Gottes. Zum ersten Mal für diese Tage teilen wir die Exodus-Erzählung miteinander: Die Verheißung Gottes, sein Volk in ein neues Land zu führen. Dessen Aufbrechen und Zweifeln, dessen Ankommen im gelobten, jedoch besiedelten Land. Eine beispielhafte Erfahrung für das Volk Gottes, das vor einem Aufbruch steht und klären muss, ob es der Führung Gottes und einander vertraut! Mit einem freien Gebet dankt die Gruppe Gott und dem lokalen Kirchenteam für die Erfahrungen des Tages.

Wir freuen uns auf morgen!


Tag 2 - Vision

ZÜRICH.- Mit Gott und Menschen hier verbunden. Unser zweiter Tag beginnt mit einem Bibelteilen zu Exodus 3,1-14 und der Verheißung Gottes, sein Volk in ein Land zu führen, in dem Milch und Honig fließen. Priska fragt uns: "Worin besteht denn eure Vision? Wie sieht das Land aus, in das Gott euch führen soll?" So gestaltet jeder von uns sein Label für ein Honigglas.

Marianne nimmt uns mit auf den Weg der Entstehung einer lokalen Kirchenentwicklung in der Pfarrei Maria Lourdes: Erste Gehversuche mit Alpha-Glaubenskursen als ökumenisches Projekt mit der protestantischen Geschwistergemeinde führen zur Bildung von Hauskreisen. Die Abgeschlossenheit dieser Gruppen mündet in eine Krise. Kleine Christliche Gemeinschaften (KCG) werden daraufhin im Quartier (das ist die fußläufige Nachbarschaft) errichtet. Diese Gemeinschaften sind Kirche vor Ort. Eigenverantwortlich aktiv und von der Pfarrei gesandt, entwickeln sie eine Willkommenskultur gegenüber allen Generationen und Kulturen, die in dieser Nachbarschaft leben.

Doch die Zeit drängt uns zum Aufbruch, denn wir werden bereits in einer solchen "Kirche der Nachbarschaft" erwartet: In einem gläsernen Pavillon begrüßen uns Susanne, Paul und Marianne - drei langjährige KCGlerInnen, die uns von konkreten Themen und Projekten berichten, welche aus ihrem gemeinsamen Hören auf das Wort Gottes (Bibelteilen) in der Gemeinschaft erwachsen sind. KCG "ist" Kirche - vor Ort. Deshalb weist sie vier Kennzeichen auf:

- Sie entwickelt sich lokal - greift Themen und Nöte aus ihrer Nachbarschaft auf.

- Sie nimmt Teil am Sonntagsgottesdienst der Pfarrei.

- Sie begrüßt Christus in ihrer Mitte.

- Sie lässt sich von Gott her sagen, was hier und jetzt zu tun ist.

Das Mittagessen nehmen wir mit 50-60 Senioren zurück im Pfarrsaal "Maria Lourdes" ein - jede Wochen treffen sie sich hier, um in Gemeinschaft zu essen.

Nach einer kurzen Pause tauchen wir wieder ein in die Exodustradition der Bibel: Mose findet Dank seines Schwiegervaters zu einem partizipativen Führungsstil - unglaublich, welchen Reichtum uns die Bibel immer wieder schenkt! Und Martin lenkt unseren Blick darauf, dass die aktuellen Entwicklungen moderner Organisationen in Richtung eben eines solch partizipativen Miteinanders gehen: Leitung vertraut dort auf die Kompetenz und Motivation der Teammitglieder. Eine engagierte, hitzige Diskussion entsteht, welche Leitungsstile in katholischer Kirche aktuell vorherrschen, welche Kultur entwickelt werden kann und was es dazu an Grundhaltungen braucht.

Der Tag endet damit, dass sich unsere Gruppe auf vier KCG's aufteilt: Zum Abendessen und Bibelteilen finden wir uns im hell erleuchteten "Schaufenster Pavillon", in einem Wohnzimmer mit jungen Familien oder in einem kommunalen Versammlungsraum in der Nachbarschaft ein. Hier erleben wir erneut, wie die gemeinsame Hinwendung zu Christus im persönlichen Gebet, wie das Bibelteilen und der Austausch darüber, was wir zum Reich Gottes konkret beitragen können, konkret Gemeinschaft stiftet. Eine Gemeinschaft mit Gott und Menschen, die uns vor wenigen Momenten noch fremd schienen.


Tag 3 - Vertrauen: Der "rote Faden"

ZÜRICH.- Der Mittwoch steht in "Maria Lourdes" am Vormittag unter dem Thema "Pfarreiwerkstatt Laurentius". Wir begegnen zunächst dem Organisationsteam des Pfarreiprojektes und erfahren: Der Ansturm Bedürftiger auf den Pfarrer mit der Bitte um "Almosen" wurde als unbefriedigender Zustand wahrgenommen. Der Pfarrer war durch "5-Franken-Kunden" zeitlich stark gebunden, ohne dass sich aus den Türkontakten eine nachhaltige Pastoral entwickeln ließ. Die überschaubare Geldspende hielt die Empfänger in einer erniedrigenden Bittstellung. Das Pastoralteam entwickelte als Vision: "Vom Bettler zum Mitarbeiter!" Daraus bildete sich ein Angebot, Arbeiten der Pfarrei an zwei Vormittagen gegen eine angemessene Bezahlung anzubieten.

Die Tätigkeiten umfassen unter anderem Nachbarschaftshilfe, kreative Handarbeit und Kunsthandwerk, das Recyceln von Opferkerzen, Reinigungstätigkeiten und Arbeiten im Außengelände. Sie werden heute von ca. 30 - 60 Personen ausgeführt. Als Mitarbeiter können diese Menschen frei wählen, welche Tätigkeiten sie am Tag mit anderen zusammen übernehmen wollen. So entsteht ein Ort, an dem sich Menschen als "von anderen gebraucht", als beteiligt und eingebunden erleben.

Die finanziellen und organisatorischen Unwägbarkeiten des Projektes sind stetige Begleiter - zugleich wird die Verantwortung von allen (!) Teilnehmenden getragen. Das geht nur im Vertrauen auf Gottes Beistand.

Am Nachmittag geht es raus in ein neues Quartier (Wohnviertel) Seebachs. Den Restaurantbetrieb eines Altenheimes nutzen wir als Treffpunkt mit engagierten Gemeindemitgliedern. Sie sind als "Kirche in der Nachbarschaft" in der Taufvorbereitung, in der Altenheimarbeit und in der Erstkommunionkatechese tätig. Alle begreifen den Lebensweg von Menschen als deren Glaubensweg. Ihnen geht es darum, Begegnungen für Gotteserfahrungen zu nutzen. Das setzt ein Vertrauen voraus, dass Gott längst mit diesen Menschen unterwegs ist - Freiwilligkeit und Begeisterung der Beteiligten wird dann zur Grundlage des Miteinanders.

Der Tag klingt aus mit einem Raclette-Essen im Pfarrsaal: Berge von Käse, Fleisch und Kartoffeln wollen vertilgt werden.


Tag 4 - Eigene Schritte finden

ZÜRICH.- Eigene Schritte finden - Aufbruch in unsere "Kirche(n) der Nachbarschaft"

Der letzte Vormittag in Zürich beginnt mit einer Parabel: Der Geschichte "Der beharrliche Holzfäller" von Jorge Bucay. Dessen Fixierung auf die eigene Geschäftigkeit und Messbarkeit des eigenen Erfolgs verhindert die Abstumpfung des eigenen Werkzeugs zu bemerken - die ganze Anstrengung wird damit wirkungslos.

"Diese Tage in Zürich haben euch geschärft. Wofür wollt ihr eure Schärfung zu Hause nutzen?", so lenkt Martin Piller, der Pfarrer von Maria Lourdes, den Blick auf unseren weiteren Glaubensweg in den Heimatgemeinden.

Jeder bekommt Zeit, für sich selbst und für das Team, mit dem er innerhalb der Reisegruppe unterwegs ist, konkrete Anknüpfungspunkte zu formulieren. Der Austausch der Ideen führt uns drei TeilnehmerInnen aus dem Bezirk Main-Taunus zusammen. Wir nehmen uns vor, einen Impuls in unserem Bezirk für die Begegnung von Alltag und Glaube zu setzen. Darüber hinaus wollen wir untereinander in Kontakt bleiben - offen für jene, die sich davon angesprochen fühlen.

Zum Abschluss unserer Tage treffen wir uns zur Eucharistiefeier in der Kapelle des nahen Kapuzinerklosters. Das Evangelium aus Johannes 5 (Die Heilung eines Gelähmten) erschließen wir uns im Rahmen eines Bibelteilens. Zur Gabenbereitung tragen wir dann die Anknüpfungspunkte der einzelnen Teams zum Altar. Den sechsten Schritt des Bibelteilens ("Handeln & sich senden lassen") vollziehen wir nach der Kommunion: Jedes Team tritt der Reihe nach vor die Gruppe, berichtet von seinen Anknüpfungspunkten und Zielen. Das jeweils nächste Team spricht ein frei formuliertes Segensgebet für dieses Team. Mit dem Lied "Segne sie Herr, sende sie Herr, send' deinen Geist und segne sie Herr" wird das Team schließlich von allen TeilnehmerInnen ausgesandt.

Mit den Eindrücken vom anschließenden "Gratismittagstisch", welchen die Pfarrei jeden letzten Donnerstag im Monat anbietet und zu dem bis zu zweihundert Menschen kommen, brechen wir zum Hauptbahnhof auf.

Ein herzliches "Vergelt's Gott" an Marianne, Martin, Prisca und Regula, aus dem Team von Maria Lourdes. In beeindruckender Weise haben sie uns an ihrem Lebensweg und Glaubensweg teilhaben lassen.

Wir verabschieden uns im Vertrauen darauf, dass wir weiter voneinander lernen, wie sich Alltag und Glauben begegnen.